Interventionsebenen & Klientenanliegen in Paartherapie & Sexualtherapie

PLISSIT-Modell

Wir am Berliner Institut für Beziehungsdynamik bilden seit vielen Jahren Paartherapeut*innen und Sexualtherapeut*innen aus und weiter. Unsere Angebote in Präsenz oder auch Online finden Sie hier auf unserer Website.

Einleitung

Sexuelle Funktionsstörungen betreffen zahlreiche Menschen und können tiefgreifende Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden und zwischenmenschliche Beziehungen haben. Die Sexualtherapie bietet verschiedene Modelle und Ansätze zur Behandlung dieser Störungen. Das PLISSIT-Modell ist eines der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Modelle und es strukturiert sowohl Interventionsebenen von Klientenanfragen und ermöglicht es uns als Sexualtherapeuten zu erkennen, welche Rolle von uns gefragt ist.

Entwickelt von Jack S. Annon in den 1970er Jahren, bietet dieses Modell eine strukturierte und leicht nachvollziehbare Methode, um Klienten bei der Bewältigung sexueller Probleme zu unterstützen. Das PLISSIT-Modell besteht aus vier Ebenen: Permission (Erlaubnis), Limited Information (beschränkte Information), Specific Suggestions (spezifische Vorschläge) und Intensive Therapy (intensive Therapie). Jede dieser Ebenen bietet einen spezifischen Ansatz zur Intervention und ermöglicht eine schrittweise Vertiefung der therapeutischen Maßnahmen.

Die Entwicklung und Grundlagen des PLISSIT-Modells

Jack S. Annon entwickelte das PLISSIT-Modell in einer Zeit, in der die Sexualtherapie noch in den Kinderschuhen steckte. Seine Grundannahme war, dass viele Menschen mit sexuellen Problemen keine intensive Therapie benötigen, sondern bereits durch weniger tiefgehende Maßnahmen erheblich profitieren können. Diesem Gedanken folgend, strukturierte Annon sein Modell in vier Stufen, die aufeinander aufbauen und je nach Bedarf des Patienten oder der Patientin angewendet werden können.

Das Akronym „PLISSIT“ steht für die vier aufeinander folgenden Stufen des Modells: Permission, Limited Information, Specific Suggestions und Intensive Therapy. Diese Stufen können je nach Schweregrad und Komplexität der sexuellen Probleme eines Individuums oder Paares unterschiedlich kombiniert und angewendet werden. Durch die schrittweise Strukturierung ermöglicht das PLISSIT-Modell eine gezielte und individuelle Herangehensweise an sexuelle Probleme, die sowohl für Klient*innen als auch für Therapeut*innen praktikabel und effektiv ist.

PLISSIT-Modell sexualtherapeutische Interventionsebenen

Das PLISSIT-Modell heute

Das Modell funktioniert wie ein Sieb, wobei viele Probleme bereits auf den ersten Ebenen gelöst werden können, ohne dass eine intensive Therapie notwendig ist. Es ist als Kurztherapie konzipiert und kann in einer oder wenigen Sitzungen durchgeführt werden. 2006 wurde das Modell von Sally Davis und Bridget Taylor zum EX-PLISSIT-Modell erweitert. Dieses betont die Bedeutung der „Permission“-Ebene als zentrales Element und fügt eine Überprüfungs- und Reflexionskomponente hinzu. Das PLISSIT-Modell wird nicht nur in der Sexualtherapie eingesetzt, sondern findet auch in anderen Bereichen Anwendung, insbesondere bei umfangreichen oder lebensbedrohlichen chirurgischen Eingriffen

Die vier Ebenen des PLISSIT-Modells

  1. Permission (Erlaubnis)

Die erste Stufe des Modells konzentriert sich darauf, den Klient*innen die Erlaubnis zu geben, ihre sexuellen Sorgen und Bedenken offen anzusprechen. Viele sexuelle Probleme entstehen durch Gefühle von Scham, Schuld oder Unzulänglichkeit. Indem Therapeut*innen diese Gefühle validieren und damit auch normalisieren, können sie bereits einen Großteil des Drucks und der Angst lindern, die mit sexuellen Problemen verbunden sind. Dieser Ansatz stärkt das Selbstvertrauen der Klient*innen und erleichtert den weiteren therapeutischen Prozess, falls dieser angezeigt ist. Klientenanliegen auf dieser Ebenen zeigen sich oft auch als „Bin ich normal?“-Fragen.

Ein Beispiel für die Anwendung dieser Stufe wäre ein Therapeut, der einem Patienten, der Schwierigkeiten mit vorzeitigem Samenerguss hat, versichert, dass solche Probleme häufig sind und dass es viele effektive Wege gibt, damit umzugehen. Durch diese Erlaubnis, über das Problem zu sprechen und es als normal anzuerkennen, kann der Therapeut die Grundlage für eine erfolgreiche Therapie legen.

  1. Limited Information (beschränkte Information)

Die zweite Ebene des Modells bietet Klient*innen spezifische, aber begrenzte Informationen über sexuelle Themen. Oftmals sind Missverständnisse oder ein Mangel an Wissen über sexuelle Funktionen und Normen die Ursache für Probleme. Durch gezielte Aufklärung können viele dieser Missverständnisse ausgeräumt werden. Diese Informationen sollten jedoch dosiert und verständlich vermittelt werden, um die Klient*innen nicht zu überfordern. Psychoedukative Aussagen zählen auf diese Ebene.

Ein Beispiel für Limited Information könnte die Aufklärung eines Paares über die physiologischen Prozesse des weiblichen Orgasmus sein. Wenn eine Frau Schwierigkeiten hat, einen Orgasmus zu erreichen, könnte der Therapeut erklären, dass es viele verschiedene Wege gibt, sexuelle Erfüllung zu erleben und dass der sog. klitorale Orgasmus ebenso normal und wertvoll ist wie der sag. vaginale Orgasmus. Solche Informationen können dazu beitragen, unrealistische Erwartungen zu korrigieren und den Druck auf die Beteiligten zu verringern.

  1. Specific Suggestions (spezifische Vorschläge)

In dieser Stufe erhalten die Klient*innen konkrete und auf ihre Situation zugeschnittene Ratschläge und Anleitungen. Diese spezifischen Vorschläge können Übungen, Verhaltensänderungen oder neue Perspektiven auf sexuelle Aktivitäten umfassen. Beispielsweise könnte einem Paar geraten werden, bestimmte Techniken auszuprobieren oder sich Zeit für gemeinsame, nicht-sexuelle Intimität zu nehmen, um eine entspanntere und offenere sexuelle Beziehung zu fördern. Spezifische Vorschläge zielen darauf ab, dass ein Klient oder ein Paar einen Lernraum eröffnet und neue, erweiternde Erfahrungen gewinnt.

Ein häufiges Beispiel für Specific Suggestions ist die Empfehlung von „Sensate Focus„-Übungen, die ursprünglich von Masters und Johnson entwickelt wurden. Diese Übungen ermutigen Paare, sich gegenseitig zu berühren und zu erforschen, ohne den Druck, einen Orgasmus zu erreichen. Durch das schrittweise Erhöhen der Intimität und des körperlichen Kontakts können Paare lernen, ihre sexuelle Beziehung neu zu gestalten und zu verbessern.

  1. Intensive Therapy (intensive Therapie)

Die letzte Stufe des PLISSIT-Modells, die intensive Therapie, ist einerseits für diejenigen Klient*innen gedacht, die komplexere und tiefer verwurzelte Probleme haben, die durch die vorherigen Stufen nicht ausreichend gelöst werden konnten. Andererseits sollten auf dieser Ebene auch der Lebenskontext und die Ganzheitlichkeit des Klienten berücksichtigt werden. Manchmal ist nämlich eine Übungsempfehlung nicht angezeigt, wenn der Lebenszusammenhang eines Klienten unter den Nebenwirkungen und Ergebnissen belastet wird. Diese Phase erfordert eine intensivere therapeutische Intervention, oft durch spezialisierte Sexualtherapeut*innen. Hierbei können tiefere psychologische oder interpersonelle Dynamiken bearbeitet werden, die zu den sexuellen Problemen beitragen.

Intensive Therapy könnte zum Beispiel in der Arbeit mit einem Paar bestehen, das seit Jahren unter Kommunikationsproblemen und sexueller Unzufriedenheit leidet. Hier könnte eine intensive Paartherapie, die sich auf die zugrunde liegenden emotionalen und psychologischen Konflikte konzentriert, notwendig sein. Dies kann Sitzungen umfassen, die tief in die persönlichen Geschichten und die Beziehungsmuster der Partner eintauchen, um langfristige Lösungen zu finden.

PLISSIT in der Sexualtherapie

Anwendungen des PLISSIT-Modells

Das PLISSIT-Modell ist in verschiedenen Kontexten und bei einer Vielzahl von sexuellen Problemen anwendbar. Es hat sich besonders in der Arbeit mit Paaren, Einzelpersonen und in der klinischen Praxis bewährt. Das Modell ist flexibel und kann an die spezifischen Bedürfnisse und den kulturellen Hintergrund der Klient*innen angepasst werden.

PLISSIT-Modell: Fallstudien und Beispiele

Eine häufige Anwendung des PLISSIT-Modells findet sich in der Behandlung von vorzeitigem Samenerguss. In solchen Fällen kann bereits die Erlaubnis, über das Problem zu sprechen (Permission), und das Vermitteln grundlegender Informationen über Einflussmöglichkeiten aufgrund der inneren Haltung (Limited Information) erheblich entlastend wirken. Konkrete Vorschläge (Specific Suggestions), wie das Üben bestimmter Techniken zur Verzögerung des Samenergusses, können zusätzlich helfen, das Problem zu mildern. Sollte dies nicht ausreichend sein, könnte eine intensivere Therapie (Intensive Therapy) erforderlich sein, um zugrunde liegende Ängste oder Beziehungskonflikte zu bearbeiten. Im Buch „Lust statt Frust“ werden alle Ebenen des PLISSIT-Modells berücksichtigt.

Ein weiteres Beispiel ist die Behandlung von sexueller Aversion oder Lustlosigkeit. Ein Therapeut könnte zunächst die Erlaubnis geben, diese Gefühle offen zu besprechen, um Schuld und Scham abzubauen. Anschließend könnten spezifische Informationen über normale sexuelle Variabilität und die Auswirkungen von Stress und Lebensstil auf die Libido bereitgestellt werden. Konkrete Vorschläge könnten Entspannungsübungen oder eine Veränderung der sexuellen Routine beinhalten. Sollte dies nicht ausreichen, könnte eine intensive Paartherapie notwendig sein, um tieferliegende Beziehungsprobleme zu adressieren.

Weiterbildungen und Fortbildungen am Institut

Wir am Institut für Beziehungsdynamik bieten seit vielen Jahren Ausbildungen, Weiterbildungen und Seminare in Beziehungsdynamischer Paartherapie und Sexualtherapie an.

Angehende Sexualtherapeut*innen sollten achtsam für das Anliegen der Klient*innen oder auch Paare sein. In unseren Gruppen schulen wir die Wahrnehmung. Das PLISSIT-Modell ist dafür eine sinnvolle Grundlage.

Neben diesen Ausbildungsangeboten ist es selbstverständlich auch möglich, Fallsupervisionen oder Einzelsupervision zu paar- und sexualtherapeutischen Fragen und Fällen ins Anspruch zu nehmen, um auch zu erkennen, um man das Klientenanliegen erfasst hat.

Psychotherapieausbildung in Berlin

Wissenschaftliche Grundlagen und Wirksamkeit

Das PLISSIT-Modell wurde in zahlreichen Studien und wissenschaftlichen Arbeiten untersucht und validiert. Es bietet einen pragmatischen und evidenzbasierten Ansatz zur Sexualtherapie, der sowohl in der Praxis als auch in der Forschung Anerkennung gefunden hat. Studien haben gezeigt, dass das Modell effektiv ist, um eine Vielzahl von sexuellen Problemen zu adressieren und dabei hilft, die sexuelle Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Klient*innen zu verbessern.

Eine Studie von Hockenberry und Wilson (2015) zeigte, dass das PLISSIT-Modell effektiv in der Arbeit mit Jugendlichen eingesetzt werden kann, um sexuelle Bildung und gesundes sexuelles Verhalten zu fördern. Taylor und Davis (2006) fanden heraus, dass das erweiterte PLISSIT-Modell, das zusätzliche Schritte wie die Evaluation und Nachsorge umfasst, besonders hilfreich in der klinischen Praxis ist, um eine kontinuierliche Unterstützung der Klient*innen zu gewährleisten.

Kritische Betrachtung und Weiterentwicklungen

Obwohl das PLISSIT-Modell weit verbreitet und anerkannt ist, gibt es auch kritische Stimmen und Vorschläge für Weiterentwicklungen. Eine häufige Kritik ist, dass das Modell möglicherweise zu stark auf eine stufenweise Vorgehensweise fokussiert und dabei individuelle Unterschiede und Bedürfnisse der Klient*innen nicht ausreichend berücksichtigt. Weiterentwicklungen des Modells, wie das ex-PLISSIT-Modell, versuchen, diese Kritikpunkte aufzugreifen und eine noch individuellere und flexiblere Anwendung zu ermöglichen.

Das ex-PLISSIT-Modell integriert zusätzliche Schritte wie die Bewertung (Evaluation) und Nachsorge (Follow-Up) in die therapeutische Praxis. Diese Erweiterungen ermöglichen eine kontinuierliche Überprüfung des Fortschritts der Klient*innen und die Anpassung der Therapie entsprechend den sich ändernden Bedürfnissen und Umständen. Diese iterative Vorgehensweise stellt sicher, dass die Therapie dynamisch und reaktionsfähig bleibt, was die langfristige Wirksamkeit und Zufriedenheit erhöht.

Praktische Implikationen und Empfehlungen für Therapeut*innen

Wir nutzen das PLISSIT-Modell in unseren Aus- und Weiterbildungen in Paartherapie und Sexualtherapie, um für unterschiedliche Anliegen von Klient*innen und verschiedene Interventionsebenen in der therapeutischen Praxis zu sensibilisieren.

Die Implementierung des PLISSIT-Modells in die Praxis erfordert von Therapeut*innen eine flexible und einfühlsame Herangehensweise. Es ist wichtig, dass Therapeut*innen die Fähigkeit entwickeln, auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Klient*innen einzugehen und das Modell entsprechend anzupassen. Eine sorgfältige Anamnese und kontinuierliche Evaluierung sind entscheidend, um den geeigneten Interventionsgrad festzulegen und die Therapieziele zu erreichen.

Fazit

Das PLISSIT-Modell ist ein bewährtes und vielseitig einsetzbares Strukturierungs-Werkzeug in der Sexualtherapie. Es ermöglicht Therapeut*innen, auf eine strukturierte und schrittweise Weise sexuelle Probleme anzugehen und den Klient*innen dabei zu helfen, ihre sexuelle Gesundheit und Zufriedenheit zu verbessern. Trotz einiger Kritikpunkte bleibt das Modell eine wertvolle Ressource für Fachleute im Bereich der Sexualtherapie und stellt eine solide Grundlage für die Weiterentwicklung und Anpassung an individuelle Bedürfnisse dar.

Literatur

  1. Annon, J. S. (1976). The PLISSIT Model: A Proposed Conceptual Scheme for the Behavioral Treatment of Sexual Problems. Journal of Sex Education and Therapy, 2(1), 1-15.
  2. Hockenberry, M. J., & Wilson, D. (2015). Wong’s Nursing Care of Infants and Children. Elsevier Health Sciences.
  3. Taylor, B., & Davis, S. (2006). Using the Extended PLISSIT Model to Address Sexual Healthcare Needs. Nursing Standard, 21(11), 35-40.