Theoretische Grundlagen und Prämissen der Beziehungsdynamischen Therapie

Beziehungsdynamische Sexualtherapie Paartherapie

Wir am Berliner Institut für Beziehungsdynamik bilden seit vielen Jahren Paartherapeut*innen und Sexualtherapeut*innen aus und weiter. Unsere Angebote in Präsenz oder auch Online finden Sie hier auf unserer Website.

Einleitung

Sexualität und Intimität sind essenzielle Komponenten menschlicher Beziehungen und spielen eine bedeutende Rolle in der psychischen und physischen Gesundheit. Die Beziehungsdynamische Sexualtherapie betrachtet sexuelle Probleme nicht ausschließlich als Funktionsstörungen, die es zu beheben gilt, sondern als Ausdruck tieferliegender Beziehungsdynamiken und kommunikativer Botschaften, die es zu würdigen gilt. Durch die Arbeit mit und an diesen Dynamiken soll eine tiefere und erfüllendere Verbindung zwischen den Partner*innen ermöglicht werden.

Theoretische Prämissen der Beziehungsdynamischen Paar- & Sexualtherapie

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Hier sollen die grundlegenden Annahmen dargestellt werden, durch die Beziehungsdynamische Sexualtherapie und Paartherapie beschrieben werden kann. Dies ist lediglich eine Skizze, schließlich stehen die einzelnen Prämissen für komplexe und fundierte konzeptionelle Aspekte. Im Buch „Lust statt Frust“ von Robert A. Coordes wird Beziehungsdynamische Sexualtherapie angewendet.

Seit vielen Jahren bilden wir Therapeut*innen in Beziehungsdynamischer Paartherapie und Sexualtherapie fort und weiter. In vielen Regionen und Städten arbeiten ehemalige Teilnehmer*innen unserer Angebote mit dem Beziehungsdynamischen Ansatz. Hier finden Sie alle Infos über unsere Präsenzausbildungen oder unsere Online-Ausbildung in Beziehungsdynamischer Paar- und Sexualtherapie.

Doch nun die Prämissen Beziehungsdynamischer Sexualtherapie und Paartherapie.

Im Fokus steht die Beziehung

Das primäre Ziel der Beziehungsdynamischen Sexualtherapie ist die Stärkung der Beziehungsfähigkeit der Partner. Diese Fähigkeit wird als zentral für das individuelle und kollektive Wohlbefinden betrachtet. Psychische Probleme und sexuelle Störungen werden als Symptome gesehen, die auf Schwierigkeiten in der Beziehung zu sich selbst und anderen hinweisen. Der*die Therapeut*in arbeitet daher nicht isoliert mit dem Individuum, sondern mit der Beziehung als systemisches Ganzes.

Ein praktisches Beispiel hierfür ist die Therapie von Paaren, die unter mangelnder sexueller Intimität leiden. Hierbei wird nicht nur an den sexuellen Techniken gearbeitet, sondern am kommunikativen Austausch in der Beziehung. Hier bezieht sich die Beziehungsdynamische Sexualtherapie auf Grundlagen der systemischen Therapie.

Fokus auf kommunikative Tabus in der Beziehungsdynamischen Sexualtherapie

In der Beziehungsdynamischen Sexualtherapie wird großer Wert auf die Analyse und Integration der tabuisierten Aspekte der Kommunikation gelegt. Während konsensuelle Kommunikation sicherlich eine wichtige Rolle in der Beziehungspflege spielt, sind es oft die unausgesprochenen, tabuisierten Themen, die das Beziehungsgeschehen maßgeblich beeinflussen. Diese Annahme basiert auf der Erkenntnis, dass Tabus und unausgesprochene Inhalte tiefe Einblicke in die verborgenen Dynamiken und Konflikte einer Beziehung bieten.

Die Macht der partnerschaftlichen Tabus

Tabus sind Themen, die von einem oder beiden Partne*innen als zu schmerzhaft, peinlich oder gefährlich empfunden werden, um sie (offen) anzusprechen. Diese tabuisierten Inhalte können verschiedene Formen annehmen, wie zum Beispiel sexuelle Wünsche und Fantasien, emotionale Verletzungen, unbewusste Ängste oder verborgene Aggressionen. Die Dynamik von Tabus wird oft dadurch verstärkt, dass sie bewusst oder unbewusst vermieden werden, was wiederum zu einer Verstärkung der zugrunde liegenden Spannungen und Konflikte führt.

Tabus als Schlüssel zur Veränderung

In der Beziehungsdynamischen Sexualtherapie gehen wir davon aus, dass die Arbeit mit diesen tabuisierten Aspekten der Beziehung ein wesentliches Element für tiefgreifende Veränderungen darstellt. Die*der Sexualtherapeut*in hilft den Partner*innen, diese Tabus zu identifizieren, zu benennen und in den therapeutischen Prozess zu integrieren. Dabei wird ein sicherer Raum geschaffen, in dem beide Partner*innen ermutigt werden, ihre Ängste und Wünsche offen zu kommunizieren, bzw. die bisher exkommunizierten, aber beziehungsgestaltenden Aspekte einzubeziehen.

Dieser Prozess erfordert Mut und Vertrauen, da das Ansprechen von Tabus oft mit Scham und Angst verbunden ist. Der beziehungsdynamische Therapeut unterstützt die Partner*innen dabei, diese Gefühle zu bewältigen und die verborgenen Inhalte in einem konstruktiven Dialog zu erforschen. Dies kann zu einer tiefen emotionalen Befreiung führen und den Weg für eine authentischere und intimere Beziehung ebnen. Schließlich muss keine Energie mehr aufgewendet werden, um die bisher verdrängten kommunikativen Inhalten verdeckt zu halten. Außerdem können die Partner*innen sich erst dann in „Wahrhaftigkeit“ begegnen.

Zwischen Ideal und Schatten – Der Schatten begegnet uns im Bett

Nach C. G. Jung existieren in jedem Menschen zwei Seiten/ Pole: (Ich-)Ideal- und Schatten. Wir glauben daran, dass wir Anerkennung erfahren, wenn wir unser Ich-Ideal anderen Menschen gegenüber pflegen und darstellen – demgegenüber kennzeichnen der Schatten diejenigen Seiten in uns, die wir nicht mögen und daher verdeckt halten oder eben „verschatten“. Diese Pole beeinflussen sich gegenseitig, sind wechselseitig beeinflussend und prägen die Dynamik in Beziehungen maßgeblich. Indem die Schattenseiten integriert und akzeptiert werden, können tiefere und erfüllendere Beziehungen entstehen.

Ein Mann, der beispielsweise den Anspruch hat, immer stark und unabhängig zu sein bzw. zu erscheinen (Ideal), wird Schwierigkeiten haben, seine Verletzlichkeit und Abhängigkeit zu akzeptieren (Schatten) und wird bemüht sein, diese Schattenseiten zu verstecken. Diese inneren Konflikte können sich in der Beziehung zeigen und müssen bearbeitet werden, um eine authentische und erfüllende Partnerschaft zu ermöglichen.

In der Beziehungsdynamischen Sexualtherapie gehen wir davon aus, dass sich unsere verschatteten Seiten oft in Intimität und intimer Kommunikation besonders zeigen. Da Sexualität oft eine intime Möglichkeit der Begegnung darstellt, gehen wir davon aus, dass sich der Schatten oft im Bett zeigt.

Fokus auf Haltung statt Verhalten

In der Beziehungsdynamischen Sexualtherapie steht die innere Haltung eines Menschen und der Partner*innen innerhalb einer Paarbeziehung im Mittelpunkt. Wir gehen davon aus, dass die Haltung, die wir zu den Dingen unserer Umwelt einnehmen, maßgeblich unser Verhalten, das Erleben und die Wahrnehmung beeinflusst. Diese Haltung ist, wie eine Perspektive, geprägt durch frühere Erfahrungen und Entscheidungen. Haltungen sind in der Regel unwillkürlich und unbewusst wirksam. Und innere Haltungen sind beziehungsgestaltend, auch wenn sie unserem Bewusstsein nicht zugänglich sind. Die Beziehungsdynamische Therapie zielt darauf ab, diese Haltungen bewusst zu machen und zu verändern, um eine positive Dynamik in der Beziehung zu fördern.

Eine Klientin, die beispielsweise eine tiefe Überzeugung hat, dass Männer unzuverlässig sind, wird diese Haltung unbewusst in ihre Beziehung einbringen. Dies kann dazu führen, dass sie Verhaltensweisen des Partners zu kontrollieren versucht und dadurch die passiven Widerstände des Partners fördert. Dieser zieht sich dann ggf. stillschweigend zurück, so dass die Haltung, dass man Männern nicht vertrauen kann, Bestätigung findet. Durch die Bewusstwerdung dieser inneren Haltung kann die Beziehung positiv beeinflusst werden.

Wir sind immer in Beziehung, auch wenn wir es nicht sind

Menschen gestalten ihre Beziehungen basierend auf einer „verinnerlichten Landkarte“, die aus Lebenserfahrungen, kulturellen Normen und familiären Prägungen besteht. Diese Landkarte beeinflusst, wie wir die Welt und andere Menschen sehen. Konflikte und Krisen in der Beziehung offenbaren oft die Widersprüche zwischen dieser Landkarte und der Realität.

In den psychodynamischen Verfahren spricht man in diesem Zusammenhang auch von inneren Objekten.

Von inneren Objekten, Introjekten und Internalisierungen

Innere Objekte sind ein zentrales Konzept in der psychoanalytischen Theorie, insbesondere in der Objektbeziehungstheorie. Sie beschreiben die psychische Repräsentation von äußeren Objekten, in der Regel Beziehungspersonen, die im Laufe der Entwicklung verinnerlicht werden. Melanie Klein, eine Pionierin der Objektbeziehungstheorie, legte besonderen Wert auf die Bedeutung innerer Objekte für die frühkindliche Entwicklung und die Prägung späterer Beziehungsmuster. Nach Klein werden diese inneren Objekte durch unbewusste Phantasien und Ängste des Kindes beeinflusst, aber auch durch die zunehmende Wahrnehmung der Außenwelt und die Reaktionen aus dieser. Der Prozess der Verinnerlichung von Objekten wird als Internalisierung, Introjektion oder Inkorporation bezeichnet. Dabei entsteht die subjektive Wahrnehmung, dass sich reale Objekte im Inneren befinden, was zu dem Begriff der „inneren Realität“ führt

Ein Klient, der beispielsweise in seiner Kindheit gelernt hat, dass Zuneigung an Bedingungen geknüpft ist, wird Schwierigkeiten haben, (bedingungslose) Liebe und Akzeptanz in einer Partnerschaft zu erfahren bzw. zuzulassen. Diese verinnerlichten Muster beeinflussen die Beziehung. Im therapeutischen Prozess gilt es, diese ins Bewusstsein zu führen und zu bearbeiten.

Vor diesem Hintergrund ist es auch möglich, mit einem Single beziehungsdynamisch zu arbeiten. In Anlehnung an Watzlawick: Man kann sich nicht nicht beziehen, ist somit auch dann in Beziehung (mit inneren Objekten), wenn man alleine ist.  

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Autonomie durch Differenziertheit

Klient*innen zeigen in der Regel, insbesondere bei sexuellen Dysfunktionen, eine sehr undifferenzierte Problembeschreibung und Darstellung ihres inneren Erlebens. Aus unserer Sicht ist dies weder richtig oder falsch, diese mangelnde Differenziertheit ist in der Regel Teil des Problems. Demgegenüber schafft Differenziertheit Autonomie. Daher ist in der Beziehungsdynamischen Sexualtherapie ein wichtiges Ziel, die Körperwahrnehmung unserer Klient*innen zu vertiefen, so dass insbesondere bisher übersehene oder verschattete Aspekte der eigenen Innenwelt integriert werden können.

Körperpsychotherapie und Körperorientierung – Bewegung ist das Ziel

Der Körper spielt eine zentrale Rolle in der Beziehungsdynamischen Sexualtherapie, das Institut für Beziehungsdynamik ist schließlich ein körperpsychotherapeutisches Institut. Eine erfüllende Sexualität erfordert ein differenziertes Körperbewusstsein und eine Kenntnis der körperlichen Erlebniswelt.

Ziel ist es, die im Körper gebundene Energie zu nutzen, um emotionale und psychische Blockaden zu lösen. Körperorientierte Übungen, wie Atemtechniken oder körperliche Bewegungen, können helfen, diese Blockaden zu erkennen und zu lösen. Durch die Arbeit am Körper wird der Zugang zu tiefen emotionalen Schichten ermöglicht, die durch rein kognitive Ansätze schwer zugänglich sind.

Mit den Widersprüchen in Kontakt bleiben und in Bewegung gehen

In Emotionen und Vorstellungen ist kinetische Energie gebunden. Diese Energie kann im therapeutischen Prozess genutzt werden, um tiefere Einsichten und Veränderungen zu erreichen. Widersprüche und Konflikte werden in der Beziehungsdynamischen Paartherapie und Sexualtherapie als Chancen gesehen, um sich weiterzuentwickeln und die Beziehung zu vertiefen.

Oftmals werden Menschen, die in Kontakt mit den eigenen inneren Widersprüchen kommen, starr und „frieren ein“. Damit wird der Widerspruch als unüberwindbar wahrgenommen. In der Beziehungsdynamischen Paartherapie und Sexualtherapie üben wir ein, in Bewegung zu bleiben und so die Widersprüche zu überwinden.

Ein Paar, das immer wieder in die gleichen Konflikte gerät, kann lernen, diese als Wachstumsmöglichkeiten zu sehen. Indem sie in Bewegung bleiben und sich den Konflikten stellen, können sie neue Wege des Umgangs und der Kommunikation entwickeln.

Individuation – Krisen sind Entwicklungschancen

Krisen in der Beziehung und in der eigenen Sexualität werden in der Beziehungsdynamischen Paar- und Sexualtherapie als Chancen zur individuellen und gemeinsamen Entwicklung betrachtet. Schließlich werden in der Krise oftmals diejenigen Aspekte bewusst, die bisher ausgeschlossen oder verschattet waren. Durch die Auseinandersetzung mit den eigenen Schattenseiten und den Dynamiken in der Beziehung können beide Partner*innen wachsen und ihre Beziehung auf eine neue Ebene heben. Zudem besteht die Möglichkeit, sich „ungeschminkt“ kennen- und lieben zu lernen.

Ein Paar, das beispielsweise durch eine Affäre in eine Krise gerät, kann diese als Gelegenheit nutzen, tiefere Einsichten in die eigenen Bedürfnisse und Ängste zu gewinnen und die Beziehung zu erneuern. Durch die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen und den Bedürfnissen des Partners kann eine tiefere und authentischere Verbindung entstehen.

Die Erfahrung der eigenen Begrenztheit

In Beziehungen erfahren wir oftmals unsere eigenen Grenzen und die des Partners/ der Partnerin. Diese Erfahrung dieser Begrenztheit und Fehlbarkeit kann demütig stimmen und somit dazu beitragen, Wohlwollen und Respekt füreinander zu entwickeln. Ohne Wohlwollen und die Bereitschaft, die eigenen Begrenzungen zu akzeptieren, können keine tiefgreifenden Veränderungen erreicht werden. Selbstkonfrontation, wie auch schon von David Schnarch als Grundprinzip dargelegt, ist hier unser Schlüssel.

Wenn wir uns selbst mit unseren Grenzen, unserer Bedürftigkeit und unseren Schattenaspekten offenbaren und zeigen, wenn wir uns trauen, die eigenen kommunikativen Waffen auf den Tisch zu legen, dann kann tiefere Begegnung stattfinden.

In unseren Fort- und Weiterbildungen legen wir einen starken Fokus auf Selbsterfahrung, um diesem Aspekt Rechnung zu tragen.

Zusammenfassung Beziehungsdynamische Paar- und Sexualtherapie

Beziehungsdynamische Paar- und Sexualtherapie ist ein spezialisierter Ansatz zur Behandlung von Beziehungs- und Sexualproblemen. Durch die Fokussierung auf die Beziehung, die Bewusstmachung und Veränderung von Haltungen und die Integration von körperorientierten Ansätzen ermöglicht sie tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen. Sexualität wird dabei als Spiegel der Beziehungsdynamik verstanden und genutzt, um die Selbst- und Beziehungskompetenz der Klient*innen zu stärken.

Sie wollen Beziehungsdynamische Paar- und Sexualtherapie lernen?

Wir am Institut für Beziehungsdynamik bilden seit vielen Jahren Sexualtherapeut*innen und Paartherapeut*innen aus und weiter. Dazu bieten wir eine zweijährige Präsenzausbildung in Beziehungsdynamischer Paar- und Sexualtherapie und eine Online-Ausbildung in Beziehungsdynamischer Paar- und Sexualtherapie an. Auf unserer Seite finden Sie vielfältige Informationsmöglichkeiten. Oder nehmen Sie mit uns Kontakt auf.

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Quellen

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  2. Watzlawick, P., Beavin, J. H., & Jackson, D. D. (1969). Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Verlag Hans Huber.
  3. Jung, C. G. (1933). Der moderne Mensch auf der Suche nach einer Seele. Rascher Verlag.
  4. Reich, W. (1942). Die Funktion des Orgasmus. Kiepenheuer & Witsch.
  5. Lowen, A. (2010). Der Verrat am Körper: Der psychophysische Ansatz der Bioenergetik. S. Fischer Verlag.
  6. Lee, H. E., Westerman, C. K., Hashi, E., Heuett, K. B., Spates, S. A., Reno, K. M., & Jenkins, E. W. (2020). Effects of Taboo Conversation Topics on Impression Formation and Task Performance Evaluation. Social Behavior and Personality: An International Journal, 48(8), 1–11. doi:10.2224/sbp.8322. Link zur Studie
  7. The Clara Clinic. (2024). Creating a Safe Space: Encouraging Open Discussions on Taboo Topics in Therapy. Link zum Artikel
  8. Patrick, W. L. (2024). Taboo Topics. Psychology Today. Link zum Artikel