Die Masters & Johnson - Therapie und neuere Ansätze

klassische Sexualtherapie

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Klassische Sexualtherapie

Sexualtherapie ist eine sehr junge psychotherapeutische Disziplin. Die Sexualtherapie hat in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte gemacht, und viele dieser Fortschritte können auf die bahnbrechende Arbeit von Dr. William H. Masters und Virginia E. Johnson zurückgeführt werden. Ihr Ansatz und ihre Techniken haben die Landschaft der Sexualtherapie nachhaltig verändert. Besser: Sie haben begründet, was heute teils als klassische Sexualtherapie bezeichnet wird. Dieser Blogbeitrag beleuchtet die Geschichte, Methoden und den Einfluss von Masters & Johnson auf die klassische Sexualtherapie und wie ihre Techniken, insbesondere Sensate Focus, heute noch relevant sind.

Geschichte von Masters & Johnson

In den 1950er und 1960er Jahren begannen Masters & Johnson, die menschliche Sexualität systematisch zu erforschen. Ihre Arbeit fand in einer Zeit statt, in der Sexualität oft als Tabuthema galt und wissenschaftliche Untersuchungen in diesem Bereich rar waren. Ihre Forschungen führten zu zwei bahnbrechenden Büchern: Human Sexual Response (1966) und Human Sexual Inadequacy (1970). Diese Werke legten den Grundstein für die moderne Sexualtherapie und erweiterten das Verständnis der sexuellen Funktionsstörungen und deren Behandlungsmöglichkeiten.

Der therapeutische Ansatz von Masters & Johnson

Masters & Johnson entwickelten einen strukturierten und wissenschaftlich fundierten Ansatz zur Behandlung sexueller Dysfunktionen. Ihr Modell basierte auf der Überzeugung, dass sexuelle Probleme oft psychologischer und nicht nur physiologischer Natur sind. Zu ihren bedeutendsten Beiträgen zählt die Entwicklung der Sensate Focus-Technik, eine Methode, die darauf abzielt, Leistungsängste abzubauen und die körperliche und emotionale Intimität zwischen Partnern zu fördern.

Sensate Focus: Aufbau und Anwendung

Sensate Focus ist eine stufenweise Intervention, die darauf abzielt, den Fokus von der Leistung (wie dem Orgasmus) auf das Erlebnis und die Wahrnehmung von Berührungen zu verschieben. Die Methode besteht aus mehreren Stufen, die schrittweise durchgeführt werden:

  1. Stufe 1: Streicheln ohne sexuelle Berührung – In dieser Phase berühren sich die Partner gegenseitig, jedoch ohne die primären erogenen Zonen zu involvieren. Der Fokus liegt auf der Wahrnehmung der Berührungen und dem Genuss des Augenblicks.
  2. Stufe 2: Erweiterte Berührungen – Nun werden auch Brüste und Genitalien einbezogen, jedoch ohne die Absicht der sexuellen Erregung.
  3. Stufe 3: Explorative Genitalberührung – Hier geht es darum, die Genitalien des Partners zu erkunden, ohne dabei zwangsläufig sexuelle Erregung zu erwarten.
  4. Stufe 4: Stimulieren und Erregung – In dieser Phase wird die sexuelle Erregung bewusst gefördert und wieder abgebaut, um den Partnern zu helfen, mit ihren Reaktionen umzugehen.
  5. Stufe 5: Penetration ohne Bewegung – Der Penis wird eingeführt, jedoch ohne Bewegungen, um den Fokus auf das Gefühl der Nähe zu legen.
  6. Stufe 6: Koitus – Sobald das Paar sich wohlfühlt, wird der Koitus eingeführt und die Partner können sich frei bewegen.
  7. Stufe 7: Variation der Stellungen – Die Partner experimentieren mit verschiedenen Stellungen, um neue Empfindungen und Erlebnisse zu entdecken.
Masters & Johnson Sexualforscher

Therapeutische Einsatzbereiche und Wirksamkeit

Die Sensate Focus-Technik findet auch heute noch in verschiedenen therapeutischen Kontexten Anwendung, insbesondere bei der Behandlung von sexuellen Dysfunktionen wie erektiler Dysfunktion, vorzeitiger Ejakulation, vermindertem sexuellem Verlangen und Orgasmusstörungen. Studien haben gezeigt, dass die Methode insbesondere dann effektiv ist, wenn sie in ein umfassendes therapeutisches Programm eingebettet ist.

Masters & Johnson berichteten in ihren Studien über hohe Erfolgsraten bei der Behandlung von Paaren mit sexuellen Problemen. Trotz einiger Kritik an der Methodik und der Zusammensetzung ihrer Stichproben bleibt die Grundidee der Sensate Focus-Übungen ein wichtiger Bestandteil moderner Sexualtherapien.

Kritik an der klassischen Sexualtherapie

Obwohl Masters & Johnson die moderne Sexualtherapie maßgeblich geprägt haben, gibt es auch kritische Stimmen, die ihren Ansatz in Frage stellen. Ulrich Clement, ein bekannter Vertreter der systemischen Sexualtherapie, kritisiert das normative Modell von Masters & Johnson und betont, dass ihr Ansatz zu eng gefasst sei und wichtige Aspekte der Sexualität marginalisiere. Clement argumentiert, dass die klassische Sexualtherapie von Masters & Johnson zu sehr auf sexuelle Funktionen und weniger auf die individuellen und partnerschaftlichen Dynamiken fokussiert.

Kritische Punkte nach Ulrich Clement

  1. Normatives Modell und enge therapeutische Handlungsmöglichkeiten – Laut Clement engt das biologische Modell des Human Sexual Response Cycle die therapeutischen Möglichkeiten ein. Die Methode von Masters & Johnson konzentriert sich auf das „natürliche“ sexuelle Funktionieren und vernachlässigt dabei individuelle und partnerschaftliche Unterschiede sowie die psychodynamischen und systemischen Aspekte sexueller Probleme.
  2. Linearer Zusammenhang zwischen Angst und sexueller Erregung – Clement kritisiert den Ansatz von Masters & Johnson, der von einem linearen Zusammenhang zwischen Angst und sexueller Erregung ausgeht. Er betont, dass Angst nicht nur hinderlich, sondern auch ein integraler Bestandteil leidenschaftlicher Sexualität sein kann. Die Reduktion der Sexualtherapie auf Entspannungstechniken führt seiner Meinung nach zu einer „tristen Alltagssexualität“.
  3. Marginalisierung des sexuellen Begehrens – Ein weiteres Argument von Clement ist, dass die klassische Sexualtherapie das sexuelle Begehren und die individuellen sexuellen Wünsche unterbewertet. Er schlägt vor, dass die Therapie sich mehr auf die Exploration und das Ausleben von Fantasien und Wünschen konzentrieren sollte, anstatt sich nur auf das sexuelle Funktionieren zu beschränken.
  4. Langweilige Therapieverläufe – Clement weist darauf hin, dass die Fokussierung auf standardisierte Übungen und sexuelle Funktionen oft zu zähen und wenig inspirierenden Therapieverläufen führt. Die Therapie bleibt zielorientiert und vernachlässigt die dynamischen und komplexen Interaktionen innerhalb der Partnerschaft.
systemische Sexualtherapie Clement

Systemische Sexualtherapie nach Ulrich Clement

Im Gegensatz zur klassischen Sexualtherapie nach Masters & Johnson betont die systemische Sexualtherapie die Bedeutung der individuellen und partnerschaftlichen Dynamiken. Clement sieht die Sexualtherapie als Paartherapie des Begehrens, bei der das erotische Potenzial und nicht die sexuelle Funktion im Mittelpunkt stehen.

Vorteile und Herausforderungen der systemischen Sexualtherapie

Die systemische Sexualtherapie bietet einen ganzheitlichen Ansatz, der die Komplexität und Dynamik menschlicher Sexualität besser erfasst als das rein funktionale Modell der klassischen Sexualtherapie. Sie betont die Bedeutung von individuellen Wünschen und partnerschaftlichen Interaktionen und bietet flexible und kreative Interventionen, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Paare abgestimmt sind.

Gleichzeitig stellt die systemische Sexualtherapie höhere Anforderungen an die Therapeuten, da sie ein tiefes Verständnis der individuellen und partnerschaftlichen Dynamiken erfordert und die Fähigkeit, flexibel und kreativ auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Paare einzugehen. Auch die Bereitschaft der Paare, sich auf eine intensive und manchmal konfrontative Auseinandersetzung mit ihren Wünschen und Ängsten einzulassen, ist entscheidend für den Erfolg der Therapie.

Kernelemente der systemischen Sexualtherapie

Erotisches Potenzial – Die systemische Sexualtherapie konzentriert sich auf das erotische Potenzial der Partner und sieht sexuelle Störungen nicht als Defizite, sondern als Hinweise auf ungelebte Wünsche und Bedürfnisse. Die Therapie zielt darauf ab, den Zugang zu diesen Wünschen zu erweitern und die individuelle sowie partnerschaftliche Entwicklung zu fördern.

Differenz des Begehrens – Ein zentrales Konzept der systemischen Sexualtherapie ist die Anerkennung und Nutzung der Unterschiede im sexuellen Begehren der Partner. Anstatt die Sexualität auf gemeinsame Aktivitäten zu reduzieren, werden die individuellen Unterschiede thematisiert und als Quelle für Konflikte und Wachstum gesehen.

Interventionsstrategien – Die systemische Sexualtherapie verwendet eine Vielzahl von Interventionen, die auf die spezifischen Bedürfnisse und Dynamiken der Paare abgestimmt sind. Dazu gehören hypothethische Fragen, Zwischenbilanz-Aufgaben und asymmetriebetonende Aufgaben, die dazu dienen, die Unterschiede und Potenziale innerhalb der Partnerschaft zu erkunden und zu nutzen.

Ulrich Clement systemische Sexualtherapie

Fazit

Masters & Johnson haben mit ihrer Arbeit einen bedeutenden Beitrag zur klassischen Sexualtherapie geleistet. Ihre Methoden, insbesondere die Sensate Focus-Technik, haben vielen Paaren geholfen, ihre sexuelle Intimität zu verbessern und sexuelle Dysfunktionen zu überwinden. Trotz der Kritik und der Notwendigkeit für weitere Forschung und Anpassungen an moderne gesellschaftliche Bedürfnisse bleibt die Essenz ihrer Arbeit zeitlos und relevant.

Die klassische Sexualtherapie nach Masters & Johnson bietet wertvolle Werkzeuge, um sexuelle Probleme zu adressieren und die Beziehung zwischen Partnern zu stärken. Mit kontinuierlicher Anpassung und Weiterentwicklung kann ihre Methode auch in Zukunft vielen Paaren helfen, ein erfüllteres Sexualleben zu führen. Gleichzeitig bietet die systemische Sexualtherapie nach Ulrich Clement einen erweiterten Ansatz, der die Komplexität und Dynamik menschlicher Sexualität besser erfasst und flexible, kreative Interventionen zur Förderung individueller und partnerschaftlicher Entwicklung bietet.

Quellenangaben

  1. Briken, P., Matthiesen, S., Pietras, L., Wiessner, C., Klein, V., Reed, G. M., & Dekker, A. (2020). Estimating the Prevalence of Sexual Dysfunction Using the New ICD-11 Guidelines. Deutsches Ärzteblatt International, 117(39), 653–658. Link
  2. Frühauf, S., Gerger, H., Schmidt, H. M., Munder, T., & Barth, J. (2013). Efficacy of Psychological Interventions for Sexual Dysfunction: A Systematic Review and Meta-Analysis. Archives of Sexual Behavior, 42(6), 915–933. Link
  3. Sigusch, V. (2000). Serie: Sexuelle Funktionsstörungen – Paartherapie bei sexuellen Funktionsstörungen. Deutsches Ärzteblatt International, 97(12): A-776 / B-638 / C-596. Link
  4. Clement, U. (2001). Systemische Sexualtherapie. Zeitschrift für Sexualforschung, 14(2), 95-112. Link