Darstellung dieses bedeutsamen sexualtherapeutischen Ansatzes

Systemische Sexualtherapie

Wir am Berliner Institut für Beziehungsdynamik bilden seit vielen Jahren Paartherapeut*innen und Sexualtherapeut*innen aus und weiter. Unsere Angebote in Präsenz oder auch Online finden Sie hier auf unserer Website.

Einleitung

Systemische Sexualtherapie, entwickelt von Ulrich Clement, ist ein differenzierungsbasierter, paar- und sexualtherapeutischer Ansatz, der sich auf die Behandlung sexueller Thematiken (in Paarbeziehungen) konzentriert. Im Gegensatz zu Methoden der klassischen Sexualtherapie bietet die systemische Sexualtherapie eine umfassende Perspektive auf die Paardynamik und legt besonderen Wert auf das erotische Begehren. In diesem Beitrag beleuchten wir die Kernaspekte der systemischen Sexualtherapie, den therapeutischen Prozess in der systemische Sexualtherapie sowie sexualtherapeutische Implikationen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu ihrer Wirksamkeit.

Beziehungsdynamische Paartherapie und Sexualtherapie

Wir am Institut für Beziehungsdynamik bieten seit vielen Jahren Fortbildungen, Weiterbildungen und Seminare in Paartherapie und Sexualtherapie an. Dabei vermitteln wir den sexual- und paartherapeutischen Ansatz, den wir seit 2006 in Praxis und Theorie entwickeln: Beziehungsdynamische Paar- und Sexualtherapie. Ulrich Clement, die Systemische Sexualtherapie und die Grundprämissen dieses Ansatzes sind für uns eine maßgebliche Inspirationsquelle und aus der Sexualtherapie nicht wegzudenken. Hier einige der Prämissen Beziehungsdynamischer Paar- und Sexualtherapie.

Grundlagen der Systemischen Sexualtherapie

In diesem Artikel sollen nur einige Grundlagen skizziert werden. Wohlwissend, dass es in der gebotenen Kürze nicht möglich ist, Systemische Sexualtherapie angemessen darzulegen. Wir verweisen auf die Veröffentlichungen von Ulrich Clement. Hier eine Buchempfehlung. Hier kann man einen sehr aufschlussreichen Artikel zur Systemischen Sexualtherapie von Ulrich Clement herunterladen.

Ursprung und Entwicklung

Ulrich Clement, ehemaliger Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg, ist der Begründer der systemischen Sexualtherapie. Er ist einer der einflussreichsten deutschen Sexualtherapeuten. Die systemische Sexualtherapie hat Ulrich Clement entwickelt, um sexuelle Probleme ressourcenorientiert im Kontext der gesamten Beziehungsdynamik zu betrachten, anstatt sie als isolierte Störungen zu behandeln. Viele Jahre hat Ulrich Clement Ausbildungen in systemischer Sexualtherapie in Heidelberg, Berlin und anderen Orten angeboten.

Die systemische Sexualtherapie baut auf den Prinzipien der systemischen Therapie auf und integriert Elemente der Crucible Therapy von David Schnarch. Die differenzierungsbasierte Arbeit von David Schnarch ist ungefähr zeitgleich entstanden und publiziert worden. Ulrich Clement hat seine entscheidenden Bücher Mitte der 90er Jahre in Deutschland veröffentlicht.

Ausbildung Systemische Sexualtherapie

Systemische Sexualtherapie in Stichpunkten

  1. Fokus auf erotische Entwicklung: Die systemische Sexualtherapie betrachtet Sexualtherapie als Mittel zur Entwicklung des erotischen Potenzials der Partner*innen, nicht nur zur Behebung sexueller Dysfunktionen.
  2. Betonung von Unterschieden: Der Ansatz geht davon aus, dass sexuelles Verlangen aus den Unterschieden zwischen Partner*innen entsteht, nicht aus ihren Ähnlichkeiten.
  3. Nicht defizitorientiert: Statt sexuelle Probleme als Störungen zu betrachten, wird die aktuelle sexuelle Situation eines Paares oder eines Einzelklienten als deren Lösung zur Ausbalancierung individueller erotischer Profile in der Partnerschaft gesehen.
  4. Verhandlungsbasiert: Die Therapie betrachtet die Gestaltung der partnerschaftlichen Sexualität als „Verhandlungssache“ zwischen den Partner*innen.
  5. Veränderungsneutralität: Der Therapeut bleibt in der systemischen Sexualtherapie neutral gegenüber Veränderungen und lässt das Paar entscheiden, ob und wie sie ihre sexuelle Dynamik verändern möchten.

Kernaspekte der Systemischen Sexualtherapie

Hier sollen einige der Kernaspekte der systemischen Sexualtherapie nach Ulrich Clement ausgeführt werden. Sie interessieren sich für Beziehungsdynamische Paar- und Sexualtherapie? Dann finden Sie hier einen Artikel dazu.

Fokus auf Begehren statt Funktion

Im Gegensatz zur klassischen Sexualtherapie (in Anlehnung an Masters & Johnson), die sich hauptsächlich auf sexuelle Funktionen konzentriert, legt die systemische Sexualtherapie den Schwerpunkt auf das erotische Begehren und die Entwicklung der Paarbeziehung. Diese Verschiebung des Fokus ermöglicht es, die tieferliegenden emotionalen und psychologischen Aspekte der Beziehung in den Vordergrund zu rücken und eine erfüllende sexuelle Beziehung zu fördern.

Betrachtung der Paardynamik

Die systemische Sexualtherapie sieht sexuelle Probleme im Kontext der gesamten Beziehungsdynamik. Diese ganzheitliche Sichtweise hilft dabei, die komplexen Wechselwirkungen zwischen den Partnern zu verstehen und die sexuellen Schwierigkeiten als Ausdruck dieser Dynamiken zu interpretieren. Dadurch wird die Therapie effektiver, da sie die zugrunde liegenden Beziehungsprobleme adressiert und nicht nur die Symptome behandelt

Konstruktiver Umgang mit Differenzen

Ein wichtiger Aspekt der systemischen Sexualtherapie ist der konstruktive Umgang mit sexuellen Unterschieden zwischen den Partner*innen. Diese Unterschiede werden als natürliche Variationen betrachtet, die das Potenzial haben, die Beziehung zu bereichern, wenn sie konstruktiv gehandhabt werden

Weiterbildung Systemische Sexualtherapie

Spezifische Interventionen und Methoden in der systemischen Sexualtherapie

Einige Interventionen sollen hier grundlegend dargestellt werden. Weitere finden sich in den Veröffentlichungen von Ulrich Clement.

Ideales sexuelles Szenario (ISS)

Sehr bekannt und eine der zentralen Methoden der systemischen Sexualtherapie ist das Ideale sexuelle Szenario (ISS). Hier eine Erläuterung dieser Übung. Bei der Durchführung dieser Übung werden die Partner*innen gebeten, unabhängig voneinander ein für sie erstrebenswertes und befriedigendes ideales sexuelles Szenario aufzuschreiben. Zu diesen Szenarien und zum Umgang damit wird dann in der nächsten Paartherapie-Sitzung verhandelt. Ziel ist hier weniger, einen Kompromiss zu finden, sondern die Beziehungsmuster ins Bewusstsein zu führen und durch langsames Vorgehen Spannung und ggf. auch wieder Neugier aufeinander in der Beziehung zu erhöhen.

Für uns ist dies eine sehr effektive und nutzbringende Intervention, die jeder Paartherapeut/ jede Sexualtherapeutin im Repertoire haben sollte.

Externalisierung und zirkuläres Fragen

  • Externalisierung: Diese Technik hilft den Partner*innen, ihre sexuellen Probleme als äußere Faktoren zu betrachten, die gemeinsam angegangen werden können, anstatt sie als persönliche Defizite zu sehen. Auch in Einzelsitzungen können so Themen oder Probleme äußerlich visualisiert werden und so behandelt werden.
  • Zirkuläres Fragen: Diese Fragetechnik fördert das Verständnis für die Perspektiven und Gefühle des Partners und hilft, festgefahrene Kommunikationsmuster zu durchbrechen. Diese Fragen werden auch als „Beziehungsfragen“ bezeichnet, da mit die Beziehungen exploriert werden.

Kollusion des sexuellen Begehrens

Die Kollusion des sexuellen Begehrens ist ein wichtiges Konzept in der systemischen Sexualtherapie. Hier sind die Hauptaspekte dieses Phänomens:

Definition: Eine Kollusion im sexuellen Kontext beschreibt eine unbewusste Übereinkunft zwischen Partner*innen, bei der sich ihre individuellen sexuellen Wünsche und Verhaltensweisen gegenseitig ergänzen und verstärken. Zwei Menschen teilen sich ein „gemeinsames Spiel“ und verteilen zugleich die dazugehörigen Rollen.

sexuelles Begehren systemische Sexualtherapie

Kollusion des sexuellen Begehrens in Stichworten

  • Interaktionsmuster: In einer sexuellen Kollusion übernimmt typischerweise ein Partner eine bestimmte Rolle oder Position, während der andere die komplementäre Rolle einnimmt. Dies führt zu einem sich selbst verstärkenden Muster
  • Unbewusste Dynamik: Die Partner*innen sind sich der Kollusion meist nicht bewusst. Sie entsteht aus individuellen Bedürfnissen, Ängsten und Erwartungen, die in der Beziehung aufeinandertreffen
  • Auswirkungen auf das Begehren: Die Kollusion kann das sexuelle Begehren beeinflussen, indem sie bestimmte Aspekte der Sexualität fördert und andere hemmt. Dies kann zu einer Einschränkung des erotischen Potenzials führen
  • Therapeutischer Ansatz: In der systemischen Sexualtherapie wird die Kollusion als Teil der Paardynamik Ziel ist es, die unbewussten Muster ins Bewusstsein zu führen und neue Möglichkeiten für die Entwicklung des sexuellen Begehrens zu eröffnen
  • Fokus auf Differenz: Die Therapie betont die Unterschiede zwischen den Partner*innen als Quelle des Begehrens, anstatt nach Gemeinsamkeiten zu suchen
  • Ambivalenz des Begehrens: Die Therapie berücksichtigt, dass sexuelles Begehren ambivalent sein kann und sowohl positive als auch negative Aspekte beinhaltet
  • Veränderungsprozess: Die Auflösung einer Kollusion kann für das Paar herausfordernd sein, da sie etablierte Muster in Frage stellt. Gleichzeitig bietet sie die Chance für eine Weiterentwicklung der sexuellen Beziehung

Die Erkennung und Bearbeitung von Kollusionen des sexuellen Begehrens ist ein wichtiger Bestandteil der systemischen Sexualtherapie und kann Paaren helfen, ihre sexuelle Dynamik besser zu verstehen und zu gestalten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien

Studienlage und empirische Evidenz

Die wissenschaftliche Basis der systemischen Sexualtherapie ist noch in Entwicklung, aber erste Studien liefern vielversprechende Ergebnisse. Eine Untersuchung von Anderson (2013) hebt die umfassende Integration von Biologie, Psychologie und Sexualität in der Crucible Therapy hervor und zeigt deren positive Effekte auf die Beziehungsqualität und sexuelle Zufriedenheit

Ein weiteres Beispiel ist die Arbeit von Clement (2002), der in einer Studie die Wirksamkeit der systemischen Sexualtherapie bei der Behandlung von sexuellem Desinteresse und Erektionsproblemen untersucht hat. Die Ergebnisse zeigen, dass Paare, die diese Therapieform in Anspruch genommen haben, signifikante Verbesserungen in ihrer sexuellen Beziehung und allgemeinen Beziehungszufriedenheit berichteten

Kritikpunkte und Herausforderungen

Trotz ihrer innovativen Ansätze wird auch vereinzelt Kritik an der systemischen Sexualtherapie geäußert. Ein Hauptkritikpunkt ist die Fokussierung auf sexuelles Begehren und die relative Vernachlässigung anderer Aspekte der Paarbeziehung. Kritiker argumentieren auch, dass sexuelle Probleme oft tiefere Wurzeln in der individuellen Biografie und der allgemeinen Beziehungsdynamik haben. Unseres Erachtens werden hier Widersprüche konstruiert, die eigentlich keine sind, schließlich fokussiert die Systemische Sexualtherapie auf eine andere Ebene und schließt damit die hier angesprochene Betrachtungsebene nicht aus.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Wirksamkeit der systemischen Sexualtherapie. Wie bei vielen neuen Therapieansätzen fehlen auch hier umfassende empirische Belege. Dennoch gibt es erste vielversprechende Studien, die die Effektivität dieser Methode unterstützen. Beispielsweise zeigt eine Untersuchung von Hartmann (2011), dass Paare, die eine systemische Sexualtherapie durchlaufen haben, signifikante Verbesserungen in ihrer sexuellen Zufriedenheit und Beziehungsqualität berichten

Vergleich mit anderen Ansätzen

Die systemische Sexualtherapie unterscheidet sich deutlich von anderen sexualtherapeutischen Ansätzen. Im Vergleich zur Masters und Johnson-Methode, die stark auf verhaltenstherapeutische Techniken setzt, betont die systemische Sexualtherapie die Bedeutung der Kommunikation und der systemischen Dynamiken. Auch im Vergleich zur Hamburger Schule, die psychodynamische Elemente integriert, legt die systemische Sexualtherapie einen stärkeren Fokus auf das Hier und Jetzt der Beziehung und die aktuellen Kommunikationsmuster.

Fazit

Die systemische Sexualtherapie bietet einen innovativen und umfassenden Ansatz zur Behandlung sexueller Probleme in Paarbeziehungen, aber auch für die Einzeltherapie. Durch die Integration von systemischen Prinzipien und den Erkenntnissen der Crucible Therapy bietet sie neue Perspektiven und Methoden, um sexuelle Schwierigkeiten zu überwinden und die Beziehungsqualität zu verbessern. Trotz der bestehenden Kritikpunkte und der Notwendigkeit weiterer empirischer Forschung zeigt die bisherige Evidenz, dass die systemische Sexualtherapie ein effektives Instrument zur Förderung von sexuellem Begehren und Beziehungszufriedenheit sein kann.

Für Paare, die nach neuen Wegen suchen, ihre sexuellen Probleme zu überwinden und ihre Beziehung zu stärken, bietet die systemische Sexualtherapie vielversprechende Möglichkeiten. Es bleibt zu hoffen, dass zukünftige Forschung und Praxis diese Ansätze weiter verfeinern und validieren werden, um noch mehr Paaren zu helfen, erfüllende und zufriedenstellende sexuelle Beziehungen zu führen.

Quellen zur systemischen Sexualtherapie

  1. Clement, U. (2001). Systemische Sexualtherapie. Zeitschrift für Sexualforschung, 14, 95-112.
  2. Clement, U. (2002). Sex in Long-Term Relationships: A Systemic Approach to Sexual Desire Problems. Archives of Sexual Behavior, 31(3), 241-246.
  3. Anderson, N. (2013). David Schnarch: Award for Distinguished Professional Contributions to Independent Practice. The American Psychologist, 68(8), 738-740.
  4. Hartmann, U. (2011). State-of-the-Art Sexualtherapie und Anforderungen an ihre Weiterentwicklung. Sexuologie, 18(1), 4-22.
  5. Beier, K. & Loewit, K. (2004). Syndyastische Sexualtherapie als fächerübergreifendes Konzept der Sexualmedizin. Sexuologie, 10(4), 114-127.