Hier wird das zweite Seminar unserer zweijährigen Weiterbildung in Beziehungsdynamischer Paartherapie und Sexualtherapie beschrieben. Es ist nicht möglich, dieses Seminar separat zu buchen, denn es ist Teil eines geschlossenen Ausbildungsdurchgangs einer festen Gruppe.
Seit 2012 bilden wir am Institut für Beziehungsdynamik Therapeut*innen fort und weiter. Alle Infos zu unseren Weiterbildungen finden sich hier auf unserer Website. Gerne können Sie bei Fragen auch Kontakt zu uns aufnehmen.
Ein „Komplex“ bezeichnet die Kopplung verschiedener Sinnes- und Wahrnehmungselemente und ist immer emotional aufgeladen. Handeln Menschen im Sinne ihres Komplexes, dann handeln sie automatisiert und berechenbar. Viele psychotherapeutische Schulen haben einen eigenen Begriff für das, was Tiefenpsychog*innen als Komplexe bezeichnen: So nutzt man in der systemischen Therapie den Begriff „Muster“ in ähnlicher Weise. In der Gestalttherapie spricht man von „Gestalten“, in der Schematherapie von „Schemata“ und manche Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sprechen auch von Programmen, die zumeist wie Algorithmen dysfunktional in immer gleicher Weise unser Leben bestimmen.
In diesem Seminar werden wir praktisch und erfahrbar erforschen, welche Komplexe unser Leben beeinflussen, ohne dass uns dies bewusst ist. In der Regel haben wir erst dann die Möglichkeit, zu erfahren und zu erleben, was uns bestimmt, wenn wir an die Grenzen unserer Muster stoßen – so beschreibt es die systemische Therapie/ Familientherapie. Daher sind Konflikte und konflikthafte Situationen in Beziehungen und auch in der Sexualität der eigentliche Motor unserer Entwicklung. Wir erfahren, dass wir an unsere Grenzen stoßen und dass unsere innere Landkarte nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt und sehen uns daher gezwungen nachzubessern.
In diesem Seminar wollen wir diese Muster, diese Komplexe und Komplexepisoden identifizieren und erfahrbar machen. Dazu vermitteln wir Methoden, die in späteren Paar- und Einzeltherapeutischen Sitzungen anwendbar sind. Beispielsweise haben wir hier einige Inspirationen aus dem Improvisationstheater aufgenommen.
In unserem zweiten Seminar widmen wir uns der Erforschung von Komplexen und Komplexmustern. Der Begriff „Komplex“ findet zwar in der Alltagskommunikation Verwendung, indem wir sagen, „jemand hat einen Komplex“ oder auch „Komplexe“, einen Selbstwertkomplex, einen Mutter- oder auch Vaterkomplex – diese Verwendung interessiert uns hier allerdings weniger. Der Begriff wurde maßgeblich in der Tiefenpsychologie (nach C. G. Jung) geprägt.
Definition und Ursprung In der Tiefenpsychologie bezeichnet ein Komplex eine assoziative und psychoenergetische Einheit von Bildern, Vorstellungen, Gefühlen und Gedanken. Diese Einheiten sind oft unbewusst und beeinflussen das Verhalten, Denken und die Emotionen eines Individuums, häufig ohne dass es sich dessen bewusst ist.
Der Begriff wurde maßgeblich von Carl Gustav Jung geprägt, der Komplexe als autonome psychische Einheiten betrachtete, die in Konflikt mit dem bewussten Ich stehen können.
Komplexe entstehen häufig aus emotionalen Traumata oder Konflikten in der frühen Entwicklung. Sie manifestieren sich als Reaktionen auf bestimmte Reizworte oder Situationen, die sie aktivieren können. Jung entdeckte diese durch seine Assoziationsexperimente, bei denen er beobachtete, dass gewisse Wörter bei Probanden verzögerte oder gestörte Reaktionen hervorriefen. Diese Reaktionen sind Indikatoren für unbewusste Konflikte, die das bewusste Erleben stören können. Positive und negative Komplexe Komplexe können sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf das Individuum haben. Während negative Komplexe oft zu psychischen Störungen führen können, wie etwa Neurosen, können positive Komplexe auch hilfreiche emotionale Ressourcen darstellen. Ein Beispiel hierfür ist der positive Mutter-Komplex, der positive Erinnerungen und Erfahrungen mit einer Mutterfigur umfasst.
In unserem ersten Seminar geht es natürlich in erster Linie darum, sich gegenseitig kennenzulernen. Schließlich begegnen sich die meisten unserer Teilnehmer*innen ja zum ersten Mal. Für uns ist eine tragfähige und wertschätzende Gruppenatmosphäre sehr wichtig. Nur auf dieser soliden Basis kann Lernen zur gemeinsamen und transformativen Erfahrung werden. Wir sind immer wieder berührt davon, wie engagiert sich die Teilnehmer*innen zeigen und wie schnell in unseren Seminaren Tiefe und Offenheit entstehen. Wir werden diesen Prozess des Kennenlernens durch sexualtherapeutische Reflexionen und Methoden, die alle Sinne einbeziehen, fördern. Im ersten Seminar werden wir vermitteln, wie wichtig uns praktisches und multimodales Lernen sind.
Auf dem Plan für unser erstes Seminar steht außerdem die Auseinandersetzung mit den Fragen: „Was ist eigentlich Sex?“ und „wie wird Sex geprägt?“. Dazu laden wir zum regen Austausch ein.
Jeder Mensch entwickelt im Laufe seiner Entwicklung sein persönliches Konzept von Sexualität und Beziehung. Dieses basiert auf kulturellen, gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Prägungen, kirchlich-religiösen Einflüssen und selbstverständlich biografischen Erlebnissen und Erfahrungen. Wir wollen in diesem Seminar für dieses persönlich sexuelle Konzept sensibilisieren, das in der Regel als „sexuelles Skript” ähnlich einem Drehbuch unsere sexuelle Lebensperspektive und auch unser Verhalten in Beziehung und Sexualität beeinflusst.
Wie im Konstruktivismus bzw. der maßgeblich darauf basierenden systemischen Therapie gehen wir davon aus, dass unsere Welt, auch unsere sexuelle Welt dadurch an Bedeutung und Wirklichkeit gewinnt, indem wir sie ihr aktiv zuschreiben. Zumeist machen wir dies unbewusst und unwillkürlich und so verstehen wir unsere Aufgabe als Sexualtherapeut*innen so, dass wir diese Bedeutungsgebung wieder ins Bewusstsein führen und Menschen darin unterstützen, mehr Wahlfreiheit zu gewinnen. Dazu werden wir den Teilnehmer*innen Handwerkszeug mitgeben, welches sie in Selbstreflexion und in Partner*innen-Interviews anwenden werden.
In vielen Kontexten wird postuliert, dass man scheinbar seine „sexuelle Persönlichkeit“ heute durch bewusste Entscheidungen ausrichten kann, indem man das zu einem passende Beziehungsmodell (z.B. offene Beziehung, Polyamorie, Monogamie o.ä.) aus dem Pool der Möglichkeiten auswählt. Man kann heute angeblich über Internetforen oder Apps spontan und unkomplizierte Sexpartner*innen finden und sich und seine Wertebasis selbst und frei definieren. Es war sicherlich in keiner Zeit freier und offener als heute – und wir schätzen die daraus resultierenden Möglichkeiten sehr. Doch wir wollen uns auch der Frage widmen, wie frei wir – aus psychologischer und sexualtherapeutischer Perspektive – wirklich sind. Können wir unsere Prägungen und Erfahrungen einfach hinter uns lassen und inwieweit binden sie uns?
Im ersten Seminar hinterfragen wir unsere sexuellen Skripte, unsere Begriffe und Konzepte, unsere Perspektiven auf Sexualität und Beziehung. Dazu werden wir unsere Beziehungsdynamische Perspektive einführen und vorstellen, so dass erste Erfahrungen damit gemacht werden können.
Die Teilnehmer*innen werden auch unsere sexuelle Beziehungslandkarte kennenlernen und in Partner*innen-Interviews die Botschaften identifizieren und explorieren, die sie im Laufe ihre Entwicklungsverlaufs verinnerlicht haben. Hier wollen wir auch dazu einladen, einen körperpsychotherapeutischen Fokus einzunehmen.
Wir halten es für absolut wichtig, dass wir als Sexualtherapeut*in eine Übersicht über unsere eigenen Muster und Sichtweisen zu gewinnen, grundlegend zu verstehen, wie wir geworden sind, wie und was wir sind, um auf dieser Basis Menschen in ihrer eigenen Entwicklung zu begleiten.
Am Ende unseres ersten Seminars wird eine weiterführende Aufgabe verteilt, die eine vertiefende Beschäftigung mit den Themen und dem eigenen sexuellen Skript ermöglicht.
Stichworte zum Inhalt:
Sexuelle Skripte, eigene Motive, Sexualtherapeut*in zu werden, kulturelle Einflüsse, Beziehungsdynamische Perspektiven, Kennenlernen, Reflexion des eigenen sexuellen Wesens, Biografie-Arbeit, Lebensfluss
Komplexe spielen eine entscheidende Rolle in zwischenmenschlichen Beziehungen und beeinflussen, wie Individuen miteinander interagieren. Diese unbewussten emotionalen Strukturen können sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf Beziehungen haben.
Korrigierende Beziehungserfahrungen: In der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie wird angestrebt, dass Klienten durch die therapeutische Beziehung positive Erfahrungen machen, die frühere negative Beziehungsmuster korrigieren. Dies kann dazu führen, dass Klienten lernen, gesündere Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen. Ressourcenaktivierung: Positive Komplexe, wie etwa ein unterstützender Vater- oder Mutterkomplex, können das Selbstwertgefühl und die emotionale Stabilität fördern. Solche positiven Erfahrungen können helfen, Vertrauen und Sicherheit in Beziehungen zu entwickeln
Übertragung von Konflikten: Negative Komplexe resultieren oft aus unverarbeiteten emotionalen Konflikten aus der Kindheit. Diese Konflikte werden unbewusst auf neue Beziehungen übertragen, was zu Missverständnissen und Spannungen führen kann. Ein Beispiel ist die Übertragung von Ängsten oder Erwartungen aus der Beziehung zu den Eltern auf den Partner oder den Therapeuten. Emotionale Verzerrung: Wenn ein Komplex aktiviert wird, kann dies zu einer verzerrten Wahrnehmung der aktuellen Beziehung führen. Emotionen können übermäßig stark ausgeprägt sein, was zu übertriebenen Reaktionen führt. Zum Beispiel könnte eine Person übermäßig eifersüchtig reagieren, weil sie unbewusst an frühere Erfahrungen von Vernachlässigung oder Verlust erinnert wird.
Viele Konzepte aus der Tiefenpsychologie sind für uns in der Beziehungsdynamischen Paartherapie und Sexualtherapie grundlegend. Darüber hinaus integrieren wir Körperpsychotherapeutische und systemische Konzepte. Im zweiten Seminar wollen wir für die Auswirkungen von Komplexen werben, damit die auszubildenden Sexualtherapeut*innen für die Tiefe und Wirkung von Komplexen in Sexualität und Beziehung zu sensibilisieren.
Stichworte zum Inhalt:
Komplexe, Komplexepisoden, Tiefenpsychologie nach C. G. Jung, Muster, Beziehungsmuster, Systemische Therapie/ Familientherapie, Gestalttherapie, Schematherapie, Beziehungsdynamische Methoden, paartherapeutisches Setting