Wir am Berliner Institut für Beziehungsdynamik bilden seit vielen Jahren Paartherapeut*innen und Sexualtherapeut*innen aus und weiter. Unsere Angebote in Präsenz oder auch Online finden Sie hier auf unserer Website.
Immer mehr Psychotherapeut:innen, Coaches und Berater:innen interessieren sich dafür, Sexualtherapeut zu werden. Der Bedarf an qualifizierter Sexualtherapie und Paartherapie wächst seit Jahren, weil immer mehr Menschen professionelle Unterstützung bei Beziehungskonflikten, sexuellen Schwierigkeiten oder emotionaler Distanz suchen.
Wer Sexualtherapie lernen oder eine Sexualtherapie Ausbildung beginnen möchte, begegnet dabei verschiedenen therapeutischen Schulen und Konzepten. Zwei der einflussreichsten Ansätze in der modernen Paar- und Sexualtherapie sind:
Beide Modelle versuchen zu erklären, wie Beziehungen funktionieren, warum sexuelles Verlangen in Partnerschaften manchmal verschwindet und wie Paare wieder zu mehr Intimität finden können. Dieser Artikel gibt einen Überblick über diese beiden Ansätze und zeigt, warum das Verständnis von Nähe und Autonomie für alle Menschen wichtig ist, die Sexualtherapeut werden möchten.
Sexuelle Probleme gehören zu den häufigsten Themen in Paarbeziehungen. Forschung zeigt, dass sexuelle Zufriedenheit und Beziehungszufriedenheit eng miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen (McNulty et al., 2016; Henderson-King & Veroff, 1994). Sexuelle Schwierigkeiten entstehen häufig im Zusammenhang mit Beziehungsdynamiken, etwa bei:
Aus diesem Grund verstehen moderne Ansätze der Paar- und Sexualtherapie Sexualität nicht isoliert als körperliche Funktion, sondern als Ausdruck relationaler Prozesse innerhalb einer Partnerschaft (Kleinplatz & Ménard, 2007; Johnson & Zuccarini, 2010).
Wer Sexualtherapeut werden möchte, benötigt daher sowohl Wissen über Sexualität als auch über Bindungs- und Beziehungstheorien.
Ein besonders einflussreicher Ansatz in der Sexualtherapie wurde vom amerikanischen Therapeuten David Schnarch entwickelt.
Seine Theorie basiert auf dem Konzept der Differenzierung des Selbst, das ursprünglich aus der systemischen Familientherapie von Murray Bowen stammt (Bowen, 1978).
Differenzierung beschreibt die Fähigkeit,
Menschen mit hoher Differenzierung können Konflikte erleben, ohne ihre Identität zu verlieren. Sie bleiben emotional reguliert und reagieren weniger impulsiv auf Spannungen in der Beziehung (Skowron & Friedlander, 1998; Bartle-Haring et al., 2019).
Ein zentraler Beitrag Schnarchs betrifft die Dynamik des sexuellen Verlangens. Er argumentiert, dass sexuelles Begehren nicht allein aus emotionaler Nähe entsteht, sondern aus einem Gleichgewicht zwischen Nähe und Autonomie (Schnarch, 1991).
Wenn Partner:innen emotional stark voneinander abhängig werden, kann dies paradoxerweise zu einer Abnahme des sexuellen Verlangens führen.
Sexuelle Spannung entsteht dagegen häufig dort, wo Menschen ihre Individualität innerhalb der Beziehung bewahren.
Diese Perspektive ist heute ein wichtiger Bestandteil vieler Sexualtherapie Weiterbildungen.
Schnarch entwickelte auf dieser Grundlage den sogenannten Crucible Approach. Der Begriff „Crucible“ bedeutet „Schmelztiegel“ und beschreibt intensive Beziehungssituationen, in denen persönliche Entwicklung möglich wird.
In diesem Modell gelten Konflikte nicht primär als Problem, sondern als Chance für persönliches Wachstum (Schnarch, 1997; Schnarch, 2009).
Therapeutische Arbeit konzentriert sich daher auf die Förderung von:
Die Idee ist, dass sich langfristige Intimität nur entwickeln kann, wenn beide Partner:innen lernen, emotionale Spannung auszuhalten und gleichzeitig authentisch zu bleiben.
Im Gegensatz dazu stellt die Emotionsfokussierte Paartherapie die Bedeutung emotionaler Bindung in den Mittelpunkt.
Dieser Ansatz basiert auf der Bindungstheorie von John Bowlby, die davon ausgeht, dass Menschen ein grundlegendes Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit haben (Bowlby, 1969; Mikulincer & Shaver, 2010). Partnerschaften fungieren dabei als wichtige emotionale Regulierungssysteme. Wenn diese Bindung unsicher wird, entstehen häufig Konfliktmuster wie:
Die EFT arbeitet mit einem strukturierten Therapieprozess.
In der ersten Phase werden negative Interaktionsmuster erkannt und deeskaliert.
In der zweiten Phase wird die emotionale Bindung zwischen den Partner:innen neu aufgebaut.
In der dritten Phase werden die neuen Beziehungsmuster stabilisiert.
Die Wirksamkeit dieses Ansatzes ist empirisch gut belegt. Meta-Analysen zeigen, dass etwa 70 % der Paare nach EFT eine deutliche Verbesserung ihrer Beziehung berichten (Johnson et al., 1999; Wiebe & Johnson, 2016).
Auf den ersten Blick scheinen sich die beiden Ansätze zu widersprechen. Der Crucible Approach betont:
Die emotionsfokussierte Therapie betont dagegen:
Empirische Forschung zeigt jedoch, dass beide Prozesse eng miteinander verbunden sind. Autonomie und Bindung beeinflussen sich gegenseitig und tragen gemeinsam zu stabilen Beziehungen bei (Rodríguez-González et al., 2023; Anderson, 2020).
Die moderne Paar- und Sexualtherapie zeigt, dass Sexualität immer im Kontext von Beziehung und emotionaler Entwicklung verstanden werden muss. Wer Sexualtherapeut werden möchte, arbeitet nicht nur mit sexuellen Themen, sondern auch mit:
Gerade dort, wo Menschen lernen, sowohl Verbundenheit als auch Autonomie zu leben, entstehen häufig jene Formen von Intimität und sexueller Lebendigkeit, die langfristig tragfähig sind.
In unseren Ausbildungen und Weiterbildungen in Paartherapie und Sexualtherapie vermitteln wir eine erfahrungsorientierte Perspektive auf Autonomie und Bindung.
Anderson, J. R. (2020). Inviting autonomy back to the table: The importance of autonomy for healthy relationship functioning. Journal of Marital and Family Therapy. https://doi.org/10.1111/jmft.12413
Bartle-Haring, S., Ferriby, M., & Day, R. (2019). Couple differentiation and relationship satisfaction. Journal of Marital and Family Therapy.
Bowlby, J. (1969). Attachment and loss. Basic Books.
Johnson, S. (2004). The practice of emotionally focused couple therapy. Brunner-Routledge.
Johnson, S., Hunsley, J., Greenberg, L., & Schindler, D. (1999). Emotionally focused couples therapy: Status and challenges. Clinical Psychology: Science and Practice.
Kleinplatz, P., & Ménard, A. (2007). Paradigm shifts in sex therapy. Journal of Sex & Marital Therapy.
McNulty, J. K., Wenner, C. A., & Fisher, T. D. (2016). Longitudinal associations between relationship satisfaction and sexual satisfaction. Archives of Sexual Behavior.
Mikulincer, M., & Shaver, P. (2010). Attachment in adulthood. Guilford Press.
Schnarch, D. (1991). Constructing the sexual crucible. Norton.
Schnarch, D. (2009). Passionate marriage. Norton.
Wiebe, S., & Johnson, S. (2016). A review of the research on emotionally focused therapy. Family Process.