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Schattenarbeit nach C. G. Jung: Was sie bedeutet – und wie sie in Paar- und Sexualtherapie wirkt

Was wir an uns nicht sehen wollen, verschwindet nicht. Es zeigt sich in Konflikten, in Projektionen – und besonders deutlich in der Sexualität. Hier erfährst du, was Jung mit dem Schatten meinte und wie wir in der Therapie damit arbeiten.

Von Robert A. CoordesFachlich geprüft: November 2026Lesezeit: ca. 8 Minuten
Schatten zweier Menschen an einer hellen Wand, die einander die Hand entgegenstrecken
Kurz gesagt

Schattenarbeit bedeutet, Anteile deiner Persönlichkeit bewusst wahrzunehmen und anzunehmen, die nicht zu deinem Selbstbild passen und deshalb ins Unbewusste abgedrängt wurden. C. G. Jung nannte diese Anteile den „Schatten“. Ziel ist nicht, sie loszuwerden, sondern sie zu integrieren. In Beziehungen zeigt sich der Schatten vor allem über Projektionen – und in der Sexualität oft besonders deutlich.

Vielleicht kennst du das: Ein bestimmtes Verhalten deines Gegenübers bringt dich auf eine Weise auf, die in keinem Verhältnis zum Anlass steht. Oder du merkst, dass dir in der Nähe zu einem Menschen plötzlich die Lust vergeht, ohne dass du sagen könntest, warum. Häufig ist dann der Schatten im Spiel.

In diesem Beitrag erklären wir das Schattenkonzept nach Carl Gustav Jung, zeigen, wie der Schatten in Paarbeziehungen und in der Sexualität wirkt, und beschreiben, wie Schattenarbeit in der Beziehungsdynamischen Paar- und Sexualtherapie aussieht.

Inhalt
  1. Was ist der Schatten nach C. G. Jung?
  2. Was ist Schattenarbeit?
  3. Ich-Ideal und Schatten: wie die innere Spaltung entsteht
  4. Projektion: der Schatten in Beziehungen
  5. C. G. Jung und die Sexualität
  6. Der Schatten begegnet uns im Bett
  7. Schattenarbeit in der Paar- und Sexualtherapie
  8. Was die Forschung dazu sagt
  9. Schattenarbeit in unserer Ausbildung
  10. Häufige Fragen

Was ist der Schatten nach C. G. Jung?

Definition

Der Schatten ist in der Analytischen Psychologie von C. G. Jung die Summe der Persönlichkeitsanteile, die wir nicht in unser bewusstes Selbstbild integrieren können oder wollen. Sie widersprechen dem, wie wir sein möchten, und werden deshalb ins Unbewusste abgedrängt. Dort wirken sie weiter.

Zum Schatten gehören nicht nur Seiten, die viele Menschen als „dunkel“ bezeichnen, etwa Wut, Aggression, Neid oder Gier. Auch Anteile, die gemeinhin als wertvoll gelten, landen dort, wenn sie früh nicht erwünscht waren: Durchsetzungskraft, Verspieltheit, sinnliche Lust oder Verletzlichkeit.

Wichtig ist uns dabei: „Hell“ und „dunkel“, „gut“ und „schlecht“ sind soziale Zuschreibungen. Ob etwas in den Schatten gerät, hängt nicht von seinem Wert ab, sondern allein davon, ob wir es an uns ablehnen.

Jung beschrieb die Begegnung mit dem Schatten als moralisches Problem, das die ganze Persönlichkeit herausfordert: Es braucht Mut, Seiten an sich als real anzuerkennen, die man lieber nicht hätte. Gerade darin sah er aber einen Schritt auf dem Weg zur Individuation – zu einer umfassenderen, ganzeren Persönlichkeit.

Was ist Schattenarbeit?

Schattenarbeit ist der Prozess, abgespaltene Anteile wahrzunehmen, zu verstehen und Schritt für Schritt anzunehmen. Im Kern geht es darum, die Lücke zwischen dem zu verkleinern, was du von dir glaubst, und dem, was du auch bist. Typische Schatteninhalte sind:

  • verdrängte Gefühle wie Ärger, Trauer oder Scham
  • nicht gelebte Bedürfnisse nach Nähe, Halt oder Autonomie
  • abgewehrte Impulse, etwa Aggression oder Hingabe
  • Wünsche und Fantasien, die als „unerlaubt“ gelten

Schattenarbeit ist keine Selbstoptimierung. Es geht nicht darum, ein besserer Mensch zu werden, sondern ein vollständigerer. Integration heißt auch nicht, alles auszuleben. Sie bedeutet, dass ein Anteil bewusst verfügbar wird – und du wählen kannst, wie du mit ihm umgehst.

Ich-Ideal und Schatten: wie die innere Spaltung entsteht

Aus Beziehungsdynamischer Sicht hängt der Schatten untrennbar mit dem Ich-Ideal zusammen. Jeder Mensch entwickelt früh ein inneres Bild davon, wie er sein sollte, um geliebt zu werden und dazuzugehören: „So bin ich richtig.“ Alles, was diesem Bild widerspricht, wird abgespalten.

Wer sich als besonders vernünftig und stabil erlebt, hat oft wenig Zugang zu Impulsivität oder Bedürftigkeit. Wer sich als fürsorglich und verständnisvoll versteht, tut sich häufig schwer mit Ärger und Abgrenzung. Diese Anteile verschwinden nicht – sie suchen sich andere Wege.

Auch Paare entwickeln ein gemeinsames Beziehungsideal: wie „wir“ sein wollen. Was nicht hineinpasst, wird gemeinsam verschwiegen. Wie solche unbewussten Absprachen eine Beziehung prägen, beschreiben wir im Beitrag über Kollusion in der Paartherapie.

Projektion: der Schatten in Beziehungen

Seine eigentliche Kraft entfaltet der Schatten im Kontakt mit anderen. Was ich in mir nicht sehen kann oder darf, nehme ich im anderen wahr – oft überdeutlich. Typische Sätze in Paarkonflikten sind:

  • „Du bist so egoistisch.“
  • „Du bist kalt.“
  • „Du bist immer zu emotional.“
  • „Du willst immer zu viel.“

Solche Zuschreibungen sind nicht automatisch falsch. Ihre Heftigkeit ist aber oft ein Hinweis darauf, dass ein eigener, abgelehnter Anteil berührt wird. Das erklärt, warum sich manche Konflikte immer wiederholen: Es geht selten nur um das Verhalten des anderen.

Gut zu wissen

Je mehr du bereit bist, deinen eigenen Schatten zu erkennen, desto weniger musst du ihn im anderen bekämpfen. Konflikte werden dadurch nicht seltener, aber verstehbarer.

C. G. Jung und die Sexualität

Jung und Sigmund Freud trennten sich 1912/13 auch über die Frage der Sexualität. Für Freud war die Libido im Kern sexuelle Energie. Jung verstand sie breiter, als allgemeine psychische Lebensenergie, die sich unter anderem in der Sexualität ausdrückt. Diese Sicht prägt die Schattenarbeit bis heute: Sexualität ist nicht nur Trieb, sondern ein Ort, an dem sich die ganze Persönlichkeit zeigt – auch ihre verborgenen Seiten.

Der Schatten begegnet uns im Bett

In kaum einem Bereich zeigt sich der Schatten so unmittelbar wie in der Sexualität. Wenn wir im übertragenen oder wörtlichen Sinn „nackt“ sind, lassen sich abgespaltene Anteile schwer zurückhalten. Manche Paare meiden Sexualität deshalb – ohne es zu wissen – auch, um diesen Seiten nicht zu begegnen.

In unserer Praxis beobachten wir immer wieder Zusammenhänge wie diese. Sie sind keine festen Regeln, sondern Hypothesen, die wir im Einzelfall prüfen:

  • Lustlosigkeit bei unterdrücktem Ärger
  • Übersteigertes sexuelles Verlangen als Ausgleich für innere Leere
  • Scham bei Bedürfnissen, die nicht zum Selbstbild passen
  • Kontrolle im Sex bei Angst vor Hingabe
Fallbeispiel (fiktiv, aus typischen Situationen zusammengesetzt)

Lena erlebt sich als geduldig und verständnisvoll; Ärger „hat sie eigentlich nicht“. Seit Monaten hat sie keine Lust mehr auf Sex mit Tom. In der Therapie zeigt sich: Jedes Mal, wenn Tom über ihre Wünsche hinweggeht, schluckt sie ihren Ärger herunter. Im Bett, wo Nähe entstehen soll, ist dieser Ärger plötzlich spürbar – als Rückzug. Als Lena ihren Ärger aussprechen darf, ohne dass die Beziehung zerbricht, kehrt auch ihr Begehren langsam zurück.

Diese Sicht vertiefen wir in der Aufzeichnung unseres Webinars „Der Schatten im Bett“ über sexuelle Unlust und Tabus. Wie verborgene Wünsche mit Fantasien zusammenhängen, liest du in Sexuelle Fantasien verstehen.

Schattenarbeit in der Paar- und Sexualtherapie

In der Beziehungsdynamischen Paar- und Sexualtherapie ist Schattenarbeit keine einzelne Technik, sondern eine Haltung. Wir wollen Symptome nicht nur „beheben“, sondern verstehen, was sich in ihnen ausdrückt. Leitfragen sind:

  • Welche Anteile wehrt jede:r von beiden ab?
  • Welche Gefühle dürfen in dieser Beziehung nicht sein?
  • Welche Projektionen bestimmen den Konflikt?
  • Was bleibt unausgesprochen – und was zeigt sich stattdessen im Körper oder im Bett?

Praktisch heißt das oft: Wir verlangsamen das Gespräch, damit beide wahrnehmen können, was gerade zwischen ihnen passiert. Wir arbeiten mit inneren Anteilen, mit dem Körpererleben und mit dem, was tabu ist. Manchmal ist schon die Akzeptanz des Schattens ein wichtiges Ziel – noch bevor sich etwas verändert.

Diese Arbeit verbindet tiefenpsychologische und systemische Perspektiven mit körperorientierten Verfahren. Sie ist unser therapeutisches Modell, gewachsen aus der Praxis – keine empirisch abgeschlossene Methode. Mehr dazu findest du auf der Seite Unser Ansatz: die Beziehungsdynamische Paar- und Sexualtherapie.

Was die Forschung dazu sagt

Jungs Schattenkonzept selbst ist kaum empirisch untersucht. Es gibt aber verwandte Befunde zur Frage, was passiert, wenn wir Gedanken und Gefühle wegdrücken:

  • Gedankenunterdrückung: Der Psychologe Daniel Wegner beschrieb 1994, dass Gedanken, die man bewusst unterdrückt, oft verstärkt zurückkehren („ironische Prozesse“).
  • Emotionsunterdrückung: James Gross und Robert Levenson zeigten 1997 im Experiment, dass das Unterdrücken des Gefühlsausdrucks das Erleben kaum verringert und bei negativen Gefühlen mit stärkerer körperlicher Aktivierung einhergeht.

Diese Studien belegen nicht Jungs Theorie. Sie stützen aber eine Grundannahme der Schattenarbeit: Wegdrücken macht Gefühle nicht unwirksam.

Warum Schattenarbeit herausfordernd ist

Schattenarbeit stellt dein Selbstbild infrage. Sie kann Scham, Angst, Schuld oder Kränkung auslösen. Gerade deshalb ist sie für alle, die mit Menschen arbeiten, so wichtig: Was du an dir selbst nicht kennst, kannst du bei Klient:innen schwer halten. Deshalb ist eigene Selbsterfahrung für Therapeut:innen keine Kür, sondern Grundlage.

Durch Integration entsteht mehr Freiheit: mehr Wahlmöglichkeiten, mehr emotionale Tiefe, mehr Beziehungsfähigkeit – und oft auch mehr Lebendigkeit in der Sexualität.

Schattenarbeit in unserer Ausbildung

Wenn du mit Paaren und ihrer Sexualität arbeiten möchtest, ist Schattenarbeit ein Kern deiner Haltung. In unserer zweijährigen Ausbildung in Beziehungsdynamischer Paar- und Sexualtherapie lernst du, Ideal und Schatten in Beziehungen zu erkennen, Projektionen zu verstehen und mit Paaren daran zu arbeiten – ein ganzes Seminar ist diesem Thema gewidmet.

  • 36 Ausbildungstage, rund 300 Stunden in Berlin-Schöneberg
  • Selbsterfahrung als fester Teil: Du begegnest auch deinem eigenen Schatten
  • Viel Praxis: Rollenspiele, eigene Fälle, ab dem zweiten Jahr Probepaare unter Live-Supervision
  • Nächster Start: 15. Dezember 2026

Du möchtest vor allem mit Paaren arbeiten? Dann schau dir unsere Paartherapie-Ausbildung an.

Häufige Fragen

Was ist Schattenarbeit, einfach erklärt?

Schattenarbeit heißt, die Seiten an dir kennenzulernen, die du lieber nicht hättest oder nicht zeigst – und sie als Teil von dir anzunehmen. Dadurch verlieren sie ihre heimliche Macht über dein Verhalten und deine Beziehungen.

Was versteht C. G. Jung unter dem Schatten?

Jung meint mit dem Schatten alle Persönlichkeitsanteile, die nicht zum bewussten Selbstbild passen und deshalb unbewusst bleiben. Dazu gehören Anteile, die als „dunkel“ gelten, ebenso wie solche, die als wertvoll gelten. Entscheidend ist nicht ihr Wert, sondern dass wir sie an uns ablehnen.

Was hat Schattenarbeit mit Sexualität zu tun?

In der Sexualität sind wir besonders ungeschützt. Abgespaltene Gefühle wie Ärger, Scham oder unerfüllte Wünsche zeigen sich dort oft als Lustlosigkeit, Kontrolle oder Rückzug. Schattenarbeit hilft, diese Zusammenhänge zu verstehen.

Kann ich Schattenarbeit allein machen?

Ein Stück weit ja, etwa durch Selbstbeobachtung und Tagebuch. Weil wir unsere blinden Flecken aber per Definition nicht sehen, hilft ein Gegenüber sehr – in einer Selbsterfahrungsgruppe, im Coaching oder in der Therapie. Bei starker seelischer Belastung gehört Schattenarbeit in therapeutische Begleitung.

Ist Schattenarbeit wissenschaftlich belegt?

Jungs Schattenkonzept ist ein psychologisches Modell und kaum direkt erforscht. Verwandte Studien zur Gedanken- und Emotionsunterdrückung zeigen aber, dass Weggedrücktes nicht einfach verschwindet.

Ist Schattenarbeit Coaching oder Therapie?

Beides ist möglich. Im Coaching oder in Selbsterfahrung geht es um persönliche Entwicklung. Wenn seelische Störungen mit Krankheitswert im Spiel sind, ist eine Psychotherapie mit Heilerlaubnis der richtige Rahmen.

Kurz zusammengefasst
  • Der Schatten nach C. G. Jung umfasst alle Anteile, die wir an uns ablehnen – ob sie als „dunkel“ oder als wertvoll gelten, ist eine soziale Zuschreibung.
  • Schattenarbeit heißt, diese Anteile wahrzunehmen und zu integrieren, nicht sie loszuwerden.
  • In Beziehungen zeigt sich der Schatten über Projektionen, in der Sexualität oft als Lustlosigkeit, Kontrolle oder Scham.
  • In der Beziehungsdynamischen Paar- und Sexualtherapie ist Schattenarbeit eine Grundhaltung – du lernst sie in unserer Ausbildung in Paar- und Sexualtherapie.

Quellen

  • Jung, C. G.: Aion. Beiträge zur Symbolik des Selbst. Gesammelte Werke Bd. 9/II (Kapitel „Der Schatten“).
  • Wegner, D. M. (1994): Ironic processes of mental control. Psychological Review, 101(1), 34–52. APA PsycNet
  • Gross, J. J. & Levenson, R. W. (1997): Hiding feelings: The acute effects of inhibiting negative and positive emotion. Journal of Abnormal Psychology, 106(1), 95–103. APA PsycNet
Robert A. Coordes

Robert A. Coordes ist Diplom-Psychologe, Sexual- und Paartherapeut, Körperpsychotherapeut und Autor. Er leitet das Institut für Beziehungsdynamik in Berlin. Seit 2012 bildet das Institut Paar- und Sexualtherapeut:innen aus.

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