Wir am Berliner Institut für Beziehungsdynamik bilden seit vielen Jahren Paartherapeut*innen und Sexualtherapeut*innen aus und weiter. Unsere Angebote in Präsenz oder auch Online finden Sie hier auf unserer Website.
Wer therapeutisch arbeitet, beschäftigt sich früher oder später mit einer grundlegenden Frage: Welche Haltung nehme ich gegenüber meinen Klientinnen und Klienten ein?
Gerade in der Paar- und Sexualtherapie wird diese Frage besonders relevant. Schließlich sitzen häufig mehrere Personen im Raum – mit unterschiedlichen Perspektiven, Bedürfnissen und Verletzungen. Soll der Therapeut neutral bleiben? Partei ergreifen? Oder sich möglichst zurückhalten?
Die Geschichte der Psychotherapie hat auf diese Fragen unterschiedliche Antworten gegeben. Begriffe wie Abstinenz, Neutralität und Allparteilichkeit markieren dabei zentrale Entwicklungsschritte therapeutischer Haltung.
Dieser Artikel beleuchtet diese Konzepte – und erklärt, warum die Allparteilichkeit heute eine der wichtigsten Haltungen in der Paar- und Sexualtherapie darstellt.
In der klassischen Psychoanalyse spielte die therapeutische Abstinenz eine zentrale Rolle. Sigmund Freud ging davon aus, dass der Analytiker möglichst wenig persönliche Einflüsse in den therapeutischen Prozess einbringen sollte.
Der Therapeut sollte vor allem eines sein:
eine Projektionsfläche für Übertragungsprozesse.
Um diese Prozesse zu ermöglichen, entwickelte Freud ein spezifisches Setting: Die analysierende Person sitzt meist hinter dem Patienten oder der Patientin, die auf einer Couch liegt. Dadurch entsteht ein Raum, in dem freie Assoziationen, Regression und Übertragung entstehen können.
Der Analytiker bleibt dabei möglichst zurückhaltend und beobachtend.
Ziel dieser Haltung ist es, dass innere Konflikte und Beziehungserfahrungen aus der Vergangenheit im therapeutischen Verhältnis erneut aktiviert werden – und dadurch analysierbar werden.
Dieses Konzept prägte die Psychotherapie lange Zeit nachhaltig.
In der systemischen Therapie entstand deshalb ein neues Konzept: Allparteilichkeit.
Besonders im deutschsprachigen Raum wurde dieser Begriff durch die Arbeiten von Helm Stierlin und der Heidelberger Schule geprägt. Stierlin war einer der wichtigsten Wegbereiter der systemischen Familientherapie in Deutschland und leitete über viele Jahre die Abteilung für Familientherapie an der Universität Heidelberg.
Allparteilichkeit bedeutet:
Der Therapeut ist parteiisch – aber für alle Beteiligten gleichzeitig.
In der systemischen Theorie wird Allparteilichkeit als Fähigkeit beschrieben, sich mit den Perspektiven aller Familienmitglieder zu identifizieren und deren jeweilige Beiträge zur Beziehung anzuerkennen.
Damit verändert sich die Rolle des Therapeuten grundlegend.
Er ist nicht mehr ein neutraler Zuschauer – sondern ein resonanter Begleiter des Dialogs.
Allparteilichkeit bedeutet nicht, dass alle Perspektiven objektiv gleich sind. Vielmehr bedeutet sie:
Gerade in der Paartherapie ist diese Haltung entscheidend. Häufig erleben beide Partner ihren eigenen Schmerz als absolut legitim – während sie gleichzeitig die Perspektive des anderen kaum nachvollziehen können.
Der Therapeut übernimmt deshalb eine wichtige Funktion:
Er hilft, Verständnis zwischen den Positionen herzustellen.
Systemische Therapie versteht psychische Probleme grundsätzlich nicht isoliert, sondern im Kontext von Beziehungssystemen und Interaktionen.
Die Allparteilichkeit ermöglicht es, diese Wechselwirkungen sichtbar zu machen.
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Allparteilichkeit mit Wertfreiheit zu verwechseln. Das Gegenteil ist der Fall. Therapeuten können sehr wohl eine klare Haltung haben – zum Beispiel gegenüber destruktiven Beziehungsmustern.
Ein Beispiel: Ein Mensch beschreibt sich selbst immer wieder als wertlos oder „zum Kotzen“. In einer allparteilichen Haltung würde ein Therapeut nicht einfach sagen: „Das kann ich verstehen.“
Stattdessen könnte er deutlich machen:
Die Allparteilichkeit richtet sich also gegen krankmachende Dynamiken – nicht gegen Menschen. Diese Differenz ist therapeutisch entscheidend.
Eine weitere wichtige Konsequenz allparteilicher Haltung betrifft therapeutische Entscheidungen. Therapie ist kein Gericht. Der Therapeut ist kein Richter.
Gerade in der Paartherapie tauchen häufig Fragen auf wie:
Eine allparteiliche Haltung bedeutet hier nicht, die Entscheidung abzunehmen.
Stattdessen werden verschiedene Perspektiven exploriert.
Beispielsweise:
Durch dieses Durchspielen verschiedener Szenarien entsteht häufig eine neue Form von Klarheit.
Nicht durch Rat – sondern durch Erfahrung der eigenen inneren Wahrheit.
In der modernen Therapie wird Allparteilichkeit häufig nicht nur auf Personen angewendet, sondern auch auf innere Anteile.
Menschen tragen oft widersprüchliche Stimmen in sich:
Therapie bedeutet dann, diesen inneren Stimmen Raum zu geben – statt eine davon vorschnell zu unterdrücken.
Auch hier wirkt Allparteilichkeit als Prinzip innerer Versöhnung.
Eine allparteiliche Haltung lässt sich nicht einfach erlernen wie eine Technik.
Sie entsteht aus Selbsterfahrung.
Nur wer eigene Ambivalenzen, Widersprüche und Beziehungsmuster kennt, kann wirklich verstehen, wie komplex menschliche Entscheidungen sein können.
Deshalb gehört Selbsterfahrung seit jeher zu den wichtigsten Elementen therapeutischer Ausbildung.
Nicht Methoden machen einen guten Therapeuten –
sondern Haltung, Erfahrung und Selbstreflexion.
Abstinenz, Neutralität und Allparteilichkeit sind keine bloßen theoretischen Begriffe. Sie beschreiben unterschiedliche Bilder davon, was Therapie eigentlich ist.
Während die Psychoanalyse die Rolle des Beobachters betonte und frühe systemische Ansätze Neutralität hervorhoben, hat sich in vielen modernen Therapieformen eine andere Haltung etabliert:
Allparteilichkeit.
Eine Haltung,
Gerade in der Paar- und Sexualtherapie erweist sich diese Haltung immer wieder als zentral – weil sie Raum schafft für das, was Beziehungen letztlich tragen kann:
Verstehen.